Aktuelles

Tagung „Experiment Ethnographie“

07.-08. Dezember 2023, Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin

Programm + Abstracts (pdf) 

Link zur Anmeldung (bis 30.11.2023)

In den letzten Jahren ist das ethnographische Arbeiten zu einem Experimentierfeld geworden, in dem neue Formen der Partizipation, Datenerhebung und der Darstellung erprobt werden. Das ist angesichts der inzwischen langen Tradition der Kritik an Ethnographie zunächst erstaunlich, vielleicht aber auch eine folgerichtige Konsequenz.
Totgesagte leben länger: So wurde das Ende der Ethnographie etwa im Zuge postkolonialer Kritik verkündet, als die vielfachen Verstrickungen von Ethnologie, Ethnographie und Kolonialismus und damit problematische Traditionen eines hierarchisierenden, kulturell rassifizierenden „Otherings“ überdeutlich wurden. Das Ende ethnographischer Feldforschung schien auch gekommen, als in der Frühphase der Globalisierungsdebatte die klassische Methode der „single-sited ethnography“ für überholt erklärt wurde.
Die sich an diese Kritiken anschließenden Diskussionen – von der „Writing Culture“-Debatte bis zu neuen Überlegungen zum Ort der Ethnographie – haben dann aber, statt das Ende einzuläuten, eher noch neue Aufmerksamkeit für das kreative Potential der Ethnographie als Erkenntnisstil, Methode und Methodologie sowie als Modus/Form der Darstellung zutage gefördert. Die Kritik hat dabei die Suche danach, wie ethnographisches Forschen ausgestaltet werden kann, angeleitet. Ethnographische Forschung hat gerade unter den Bedingungen von und im Zusammenhang mit Fragen globaler Ungleichheit, hinsichtlich der Folgen von Kolonialismus und Rassismus, den Auswirkungen spätkapitalistischer Ökonomien und umkämpfter Geschlechterverhältnisse, mit Blick auf die Digitalisierung sozialer Welten und Arbeitsräume ihre besondere Bedeutung erneut unter Beweis stellt: als Zugang zur gelebten Wirklichkeit dieser Entwicklungen in Alltagswelten und mikropolitischen Praxen, als Form kollaborativer Wissensproduktion an den Grenzen von Institutionen und Gesellschaften.
Inzwischen ist eine gesteigerte Nachfrage nach Ethnographie zu beobachten. Das hat zur Vervielfältigung, teilweise auch Ausdünnung bzw. Reduktion auf reine Methodik geführt. Gleichzeitig werden Fragen der Verortung von Feldforschung, etwa in digitalen Welten oder in mehr-als-menschlichen Konstellationen, heute zwar erneut ausgedehnt debattiert – aber vor allem mit der Absicht, neue Modalitäten und Zugangsweisen zu schaffen. Zumal sich mit Forschungsthemen wie Klimawandel und Dekolonisierung zunehmend die Frage nach anderen Formen von Wissen und Wissensproduktion jenseits anthro-, andro- und eurozentrischer Beschränkungen stellen.
Und schließlich haben sich auch die Diskussionen über ethische Fragen vervielfältigt und unterliegen stärkerer Regulierung in Kommissionen, Leitlinien und Katalogen von Vorgaben und Einschränkungen. Ebenso stehen Infrastrukturen, wie beispielsweise Datenbanken, im Fokus einer veränderten ethnographischen Wissensproduktion.
Im Zusammenspiel von Kritik, dem Begehren, neue Räume und Möglichkeiten zu erkunden, und neuen datenschutzrechtlichen wie ethischen Überlegungen zeigt sich Ethnographie wieder als Experimentierfeld, in dem heute neue Formate von Kollaboration, Wissensproduktion und Darstellung erdacht, diskutiert und erprobt werden.
Hier setzt die Tagung der GfE an: Im Mittelpunkt steht das neue Leben der mehrfach totgesagten Ethnographie. Dabei wird die vormalige Kritik nicht ad acta gelegt, sondern im Gegenteil mitreflektiert und als Ausgangspunkt verstanden. Eine wichtige These ethnographischer – wie generell anthropologischer – Wissensproduktion ist, dass der selbstreflexive Umgang mit der eigenen abgründigen Geschichte in ein wesentliches intellektuelles Potential des Faches und seiner Methodologie verwandelt werden kann.
Konzept und Organisation: Beate Binder, Sabine Imeri, Regina Römhild, Franka Schneider

Programm
Donnerstag, 7.12.2023

14.00 Ankommen mit Kaffee
14.15 Eröffnung

Panel I: Politiken der Kollaboration: Infrastrukturen, Regulierungen, Ethiken (Moderation: Franka Schneider)

14.30-16.00

CARE-Prinzipien für Indigene Datensouveränität und Traditional Knowledge Labels. Vom Versuch, postkoloniale Perspektiven und Ethiken in digitale Infrastrukturen zu übersetzen
Sabine Imeri, Romy Köhler & Andrea Scholz

16.00-16.30 Kaffeepause

16.30-18.30 – Amo-Salon, EG

Dekoloniales Flanieren: Öffentliche Stadtspaziergänge als „kollektive Ethnographie“
Amo Kollektiv Berlin

19:00 Gemeinsames Abendessen in der Kantine des Gorki-Theaters, Am Festungsgraben 2 (auf Selbstzahler*innenbasis)

Freitag, 8.12.2023

9.30-10 Uhr Begrüßungskaffee

Panel II: Orte und Akteur*innen:Feldkonstruktionen und Positionierungen – Verschiebungen, Friktionen & radikale Interventionen (Moderation: Beate Binder)

10:00-12:30 Uhr (Inputs und Diskussion)

  • Tisch 1: Die Undurchsichtigkeit des Digitalen – Manuela Bojadžijev & Alexander Harder
  • Tisch 2: Grenzregime ethnographieren – Bernd Kasparek
  • Tisch 3: Von Refigurationen und Wendepunkten: Wie lassen sich autoritäre Transformationen ethnografisch untersuchen? – Jens Adam
  • Tisch 4: (K)Ein Scheitern der Ethnografie – Forschung im Wissenschaftsfeld – Victoria Hegner
  • Tisch 5: Forschen bei Feinden: Dilemmata zwischen ethnografischer Offenheit und antifaschistischer Haltung – Patrick Wielowiejski

12.30-13.30 Mittagspause

Panel III Anderes Wissen & anders wissen: Erweiterung ethnographischer Methodologie? (Moderation: Regina Römhild)

13:30-15:00 Uhr

EthnoGraphic Short Stories als Modus der (Re-)Präsentation: Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Darstellung von europäischen Kriminalisierungsfeldern
Todd Sekuler & Beate Binder

Attunement, Activation, and Other Adventures in Ethnography
Andrew Gilbert

Sonnenallee Speaks: Podcasting Fieldwork, Negotiating Refusal
Imad Gebrael

15.00-15.30 Kaffeepause

Panel III ctd. (Moderation: Sabine Imeri)

15:30-16:30

Schafe, Land und Gewalt: Ethnographische Zugänge zu kolonialen Wissensgenealogien
Katharina Schramm

Zum Verhältnis von Experiment und Ethnografie im Preenactment: „Realfiktion Klimarechnungshof“ als Experiment anders zu wissen
Milena Bister & Alexa Färber

17.00-18.00 Schlussdiskussion & Ausklang mir After-Work-Drinks

 

 

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