Tagungen

Hier finden Sie Informationen zu den Tagungen, die von der Gesellschaft für Ethnographie bislang veranstaltet wurden.

Experiment Ethnographie

Datum:

07.-08. Dezember 2023

Tagungsort/e:

Institut für Europäische Ethnologie, HU Berlin

In den letzten Jahren ist das ethnographische Arbeiten zu einem Experimentierfeld geworden, in dem neue Formen der Partizipation, Datenerhebung und der Darstellung erprobt werden. Das ist angesichts der inzwischen langen Tradition der Kritik an Ethnographie zunächst erstaunlich, vielleicht aber auch eine folgerichtige Konsequenz.

Totgesagte leben länger: So wurde das Ende der Ethnographie etwa im Zuge postkolonialer Kritik verkündet, als die vielfachen Verstrickungen von Ethnologie, Ethnographie und Kolonialismus und damit problematische Traditionen eines hierarchisierenden, kulturell rassifizierenden „Otherings“ überdeutlich wurden. Das Ende ethnographischer Feldforschung schien auch gekommen, als in der Frühphase der Globalisierungsdebatte die klassische Methode der „single-sited ethnography“ für überholt erklärt wurde.

Die sich an diese Kritiken anschließenden Diskussionen – von der „Writing Culture“-Debatte bis zu neuen Überlegungen zum Ort der Ethnographie – haben dann aber, statt das Ende einzuläuten, eher noch neue Aufmerksamkeit für das kreative Potential der Ethnographie als Erkenntnisstil, Methode und Methodologie sowie als Modus/Form der Darstellung zutage gefördert. Die Kritik hat dabei die Suche danach, wie ethnographisches Forschen ausgestaltet werden kann, angeleitet. Ethnographische Forschung hat gerade unter den Bedingungen von und im Zusammenhang mit Fragen globaler Ungleichheit, hinsichtlich der Folgen von Kolonialismus und Rassismus, den Auswirkungen spätkapitalistischer Ökonomien und umkämpfter Geschlechterverhältnisse, mit Blick auf die Digitalisierung sozialer Welten und Arbeitsräume ihre besondere Bedeutung erneut unter Beweis stellt: als Zugang zur gelebten Wirklichkeit dieser Entwicklungen in Alltagswelten und mikropolitischen Praxen, als Form kollaborativer Wissensproduktion an den Grenzen von Institutionen und Gesellschaften.

Inzwischen ist eine gesteigerte Nachfrage nach Ethnographie zu beobachten. Das hat zur Vervielfältigung, teilweise auch Ausdünnung bzw. Reduktion auf reine Methodik geführt. Gleichzeitig werden Fragen der Verortung von Feldforschung, etwa in digitalen Welten oder in mehr-als-menschlichen Konstellationen, heute zwar erneut ausgedehnt debattiert – aber vor allem mit der Absicht, neue Modalitäten und Zugangsweisen zu schaffen. Zumal sich mit Forschungsthemen wie Klimawandel und Dekolonisierung zunehmend die Frage nach anderen Formen von Wissen und Wissensproduktion jenseits anthro-, andro- und eurozentrischer Beschränkungen stellen.

Und schließlich haben sich auch die Diskussionen über ethische Fragen vervielfältigt und unterliegen stärkerer Regulierung in Kommissionen, Leitlinien und Katalogen von Vorgaben und Einschränkungen. Ebenso stehen Infrastrukturen, wie beispielsweise Datenbanken, im Fokus einer veränderten ethnographischen Wissensproduktion.

Im Zusammenspiel von Kritik, dem Begehren, neue Räume und Möglichkeiten zu erkunden, und neuen datenschutzrechtlichen wie ethischen Überlegungen zeigt sich Ethnographie wieder als Experimentierfeld, in dem heute neue Formate von Kollaboration, Wissensproduktion und Darstellung erdacht, diskutiert und erprobt werden.

Hier setzt die Tagung der GfE an: Im Mittelpunkt steht das neue Leben der mehrfach totgesagten Ethnographie. Dabei wird die vormalige Kritik nicht ad acta gelegt, sondern im Gegenteil mitreflektiert und als Ausgangspunkt verstanden. Eine wichtige These ethnographischer – wie generell anthropologischer – Wissensproduktion ist, dass der selbstreflexive Umgang mit der eigenen abgründigen Geschichte in ein wesentliches intellektuelles Potential des Faches und seiner Methodologie verwandelt werden kann.

Konzept und Organisation: Beate Binder, Sabine Imeri, Regina Römhild, Franka Schneider

Food lokal/global in Bewegung: Politiken und Praktiken

Datum:

28.und 29. März 2019

Tagungsort/e:

Freie Universität Berlin, Boltzmannstr. 1 (U-Bahn Freie Universität, Thielplatz)

Ernährung ist eines der zentralen Felder, in denen sich Sozialität und kulturelle Selbstverortungen von Gesellschaften beobachten lassen. Nahrungsmittel sind alltägliche Notwendigkeiten, Waren und gleichzeitig Distinktionsmittel. Nahrungsmittel und ihre Zubereitung sind eng verwoben mit Lebensstilen, Konsumgewohnheiten sowie mit Definitionen von gesundem und ungesundem Leben. Ernährungskulturen sind gebunden an Traditionen und gleichzeitig Produkt vielfältiger Einflüsse: Es gibt kein Rezept, das nicht in seiner Zutatenliste, in Zubereitungstechniken und -utensilien Beiträge verschiedener lokaler, regionaler und nationaler Küchen beinhaltet. Neue Produkte werden importiert, in den Verbrauch aufgenommen und oft zu einem späteren Zeitpunkt an die Landwirtschaft angepasst. Gleichzeitig birgt der Umgang mit Nahrungsmitteln, ihre Produktion, Vermarktung und Verarbeitung erhebliches politisches Konfliktpotenzial.

Food policies (Essens-, Lebensmittel- oder Nahrungsmittelpolitiken) beinhalten Aushandlungen und Regelungen, wie Lebensmittel produziert, verarbeitet, vertrieben und verkauft werden. Dies umfasst die Entscheidungsfindung in Bezug auf Produktions- und Verarbeitungstechniken, Marketing, Verfügbarkeit, Nutzung und Verbrauch von Lebensmitteln. Food policies sind auf unterschiedlichen Ebenen wirksam: beobachtbar sind Aktivitäten von lokalen Produzent/innen, nationalen Regierungen und transnationalen Industrien bis hin zu internationalen Organisationen. Sie umfassen u. a. die Regulierung von Lebensmittelindustrien, die Festlegung von Förderkriterien für Nahrungsmittelhilfsprogramme, die Gewährleistung von Lebensmittelsicherheit, die Kennzeichnung von Lebensmitteln und sogar die Qualifikation eines Produkts, das als ökologisch angesehen werden kann.

Food practices (Essens-, Lebensmittel- oder Nahrungsmittelpraktiken) beziehen sich auf unsere Beziehung zu Essen: was wir essen, wie wir essen, und wie wir über essen interagieren. Essentiell für food practices sind die vorhanden Zutaten/Lebensmittel: Welche Nahrungsmittel werden angebaut, welche importiert, woher stammen sie? Praktiken von Ernährung und Essgewohnheiten in verschiedenen Kontexten sind komplex: Die Wahl der Nahrungsmittel wird durch kulturelle Werte und Gewohnheiten beeinflusst und ist ein wichtiger Teil der Konstruktion und Aufrechterhaltung von kulturellen Identitäten. Essen ist aber nicht nur eine private lebenserhaltende Praktik und ein kultureller Lebensstil, sondern auch mit food policies und gesellschaftlichen Machtprozessen verbunden.

Donnerstag, 28.03.2018

15:00-16:30 Uhr Mitgliederversammlung der GfE (intern)
Moderation: Beate Binder, Karoline Noack

16:30-17:00 Uhr Kaffeepause

17:00-18:00 Uhr Eröffnungsvortrag
Moderation: Karoline Noack, Stephanie Schütze
The Politics of the Everyday: Changing the Global Food Regime Through Local Food Practices
Gülay Caglar (Freie Universität Berlin)

18:00-19:00 Panel 1: Food policies and body policies
Moderation: Stephanie Schütze

Food Quality labels and Agri-Environmental Governance: The Emergence of Heterogeneous Policy Assemblages
Gisela Welz (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Food Practices as Body-Politics in Globalising Vietnam
Judith Ehlert (Universität Wien)

19:00 Uhr Empfang

Freitag, 29.03.2018

10:00-11:30 Uhr Panel 2: Food safety: policies and practices
Moderation: Karoline Noack

Ernährungssouveränität auf dem Teller: Praktiken der Mahlzeit in Kenia
Meike Brückner (Humboldt-Universität zu Berlin)

Der Slogan der Ernährungssouveränität in der brasilianischen Frauenbewegung Marcha das Margaridas
Renata Motta (Freie Universität Berlin)

‘It’s safe, fresh and delicious’: The promotion of local food in contemporary Japan
Cornelia Reiher (Freie Universität Berlin)

11:30-12:00 Kaffeepause

12:00-13:00 Uhr Panel 3: Food production and global entanglements
Moderation: Beate Binder

Assembling Rice Production Systems across Burkina Faso & Uruguay. An Ethnographic Collage
Janine Hauer und Ruzana Liburkina (Humboldt-Universität zu Berlin)

Essen als Arzneimittel? Gates bessere Bananen für Afrika
Sandra Calkins (Freie Universität Berlin)

13:00-14:00 Uhr Mittagessen

14:00-15:30 Uhr Panel 4: Local food practices 
Moderation: Beatrix Hoffmann

Relating through Food – Emotions, Empathy, and Foodways in Papua New Guinea
Anita von Poser (Freie Universität Berlin)

Exquisit, exklusiv, fremd? Diplomaten, Medizintouristen und die Esskulturen in Bad Godesberg
Clemens Albrecht (Universität Bonn)

Heritage Foodways as Matrix for Cultural Resurgence: Evidence from rural Peru
(Raúl Matta, Taylor’s University, Malaysia)

15:30 Uhr-16:00 Uhr Kaffee und Abschlussworte
Moderation: Karoline Noack, Stephanie Schütze

Artisten (in) der Kontaktzone

Datum:

27. und 28. Januar 2017

Tagungsort/e:

Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin Mohrenstraße 41, 10117 Berlin, U-Bahn Hausvogteiplatz oder Stadtmitte

 

Eingeführt von Mary Louise Pratt (1991) gilt „Kontaktzone“ heute mehr und mehr als eine der zentralen Kategorien der gegenwärtigen Ethnologie, gekoppelt an den Themenkomplex der „Transkulturalität“, einer weiteren Kategorie aktueller ethnologischer Diskurse. Wir gehen davon aus, dass diese beiden Begriffe im Sinne der Pratt’schen Formulierung von „meet, clash and grapple with each other“ auf die Ethnologien und ihre „disparaten Kulturen“ anwendbar sind. Als Kontaktzone wird ein lokal nicht fixierter, transkultureller Raum zwischen jeweils äußerst komplexer akademischer und allgemeiner Öffentlichkeit in einer historischen Perspektive – hier in der Perspektive der Wissenschaftsgeschichte – verstanden. Die Akteure unserer Disziplin können dabei als „Artisten“ gesehen werden, die sich in historisch und räumlich unterschiedlichen Situationen, konstituiert im Umfeld von Universitäten, Museen und anderen öffentlichen Institutionen, auch von Medien und weiteren Kommunikationsfeldern immer wieder neu als Ethnologen – „außereuropäische“ oder „europäische“ – erfinden mussten und müssen. Zugleich sind sie dabei in jeweils spezifische und komplexe Machtbeziehungen eingebunden.

Es geht also darum, die Geschichte der Ethnologien, d. h. der außereuropäischen Ethnologie und der Europäischen Ethnologie/Volkskunde in ihren historischen und aktuellen Positionierungen und Perspektiven sowie auch in ihren gegenseitigen Beziehungen zu betrachten. Wir wollen nach den damit verbundenen Ansprüchen auf Expertisen und Deutungshoheiten fragen, insbesondere dann, wenn diese beiden Ethnologien „aufeinandertreffen, zusammenstoßen und miteinander ringen“. Welche Grenzziehungen und dadurch entstehende Kontaktzonen spielten und spielen in den zwei Ethnologien sowohl innerhalb der Wissenschaften als auch nach „außen“, hin zur nichtakademischen Öffentlichkeit eine Rolle?

Auch die Diskussion von Untersuchungen zur historischen Positionierung der Ethnologien im Verhältnis zu den Regionalwissenschaften/Area Studies kann unseres Erachtens Aufschlüsse über das gegenwärtige Verhältnis beider Disziplinen erbringen. Im wissenschaftspolitischen Diskurs wird den Area Studies gegenüber den Ethnologien häufig eine größere gesellschaftliche und praxisrelevante Funktion zuerkannt. Insbesondere gilt dies mit Blick auf die Politik- und Wirtschaftsberatung sowie die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit hinsichtlich globaler Märkte.

Konzept und Organisation: Helmut Groschwitz (Berlin/Regensburg), Beatrix Hoffman-Ihde (Berlin/Bonn), Karoline Noack (Bonn), Leonore Scholze-Irrlitz (Berlin)

Freitag 27.1.2017

12 Uhr: Mitgliederversammlung

14 – 16:30 Uhr: Panel I/ Ethnologie(n) vom Zentrum an die Ränder

Helmut Groschwitz/Beatrix Hoffmann-Ihde (Berlin/Bonn): Sammeln für die Nation – Adolf Bastian, Rudolf Virchow und die Gründung der ethnographischen Museen in Berlin

Paul Hempel (München): Paul Ehrenreich und die undisziplinierte Wissenschaft vom Menschen

Rainer Hatoum (Frankfurt a.M.): Franz Boas zwischen Theorie und Praxis, Vergangenheit und Gegenwart – Neue Einblicke zur Mittlerarbeit von Boas auf der Grundlage seiner stenografischen Feldnotizen

Kommentar: Mona Suhrbier (Frankfurt)

16.30 – 17.30 Uhr: Empfang

17:30-20:15 Uhr: Filmvorführung Der Schamane und die Schlange.  Regie: Ciro Guerra
Kommentar: Michael Kraus (Göttingen)
Anschließend gemeinsamer Ausklang im “Solino” Nikolaiviertel

Samstag 28.1.2017

9:00-11:30 Uhr: Panel II/ Zwischenzeiten – Zwischenräume

Sabine Imeri (Berlin): Ethnologie und Volkskunde im Vereinsnetzwerk, Berlin um 1900

Michi Knecht (Bremen): Partial connections: Jenseits der Alternative von Einheit und Pluralität

Kommentar: Ute Luig (Berlin)

12:30-15:00 Uhr: Panel III/ Kontaktzone Ost West: Kontinuitäten und Neuerfindungen

Leonore Scholze-Irrlitz (Berlin): Richard Thurnwalds Konzept von Ethnosoziologie und “Völkerwissenschaft” – Überlegungen zur Rezeption im Nachkriegsdeutschland

Ingrid Kreide (Bonn): Ethnologie in Leipzig 1945 – 1970

Jorge Branco (Lissabon): Die DDR-Ethnographie aus einer Außenperspektive

Kommentar: Mareile Flitsch (Zürich)  

15:00-16:00 Uhr: Abschlussdiskussion

Sonntag:

10:30 Uhr: Führung Humboldtbox, Ausstellung “Extreme! Natur und Kultur am Humboldtstrom”

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